Abenteuer eines sozialistischen Predigers

In zwei Briefen an seine ältere Tochter Jenny berichtet William Morris über eine Vortragsreise nach Schottland und Nordengland:

14. April 1887

Meine liebste Jenny,
ich bin später aus Schottland und dem Norden zurückgekommen als beabsichtigt, sonst hättest Du schon früher von mir gehört. Deinen Brief an mich sah ich am letzten Dienstag abend und er war eine große Freude für mich. Nun, was die Abenteuer eines respektablen sozialistischen Predigers betrifft – sie sind nicht sehr aufregend (was keine schlechte Sache ist), aber vielleicht doch von einigem Interesse.
Ich kam in Glasgow am Sonntagmorgen des 3. April an und war froh über die Morgenwäsche und das Frühstück. Die Nacht musste ich im Hotel verbringen, da Genosse Muirhead mich noch nicht aufnehmen konnte. Dann begann ich die Arbeit durch Mithilfe bei der üblichen Versammlung unter freiem Himmel auf dem Jail-Square (ominöser Name), der gerade gegenüber einem kümmerlichen öffentlichen Garten, genannt The Green, liegt. Die Versammlung war ganz ähnlich wie eine der besseren von uns in London; danach hatten wir ein Treffen der Ortsgruppe in ihren Räumen, die in einem sehr zufriedenstellenden Zustand waren. Ich war ziemlich erstaunt, meinen Namen in so großen Buchstaben an den Wänden zu sehen, denn ihre Plakate waren riesig, mit dem vergrößerten Emblem der League obendran. Dann kam am Abend der Vortrag, mein M.P. (Parlamentsabgeordneter, der befreundete Robert Cunninghame Graham) tauchte wirklich auf um den Chairman zu machen, was in Schottland einigen Mut erfordert. Die Versammlung war sehr gut mit mehr als tausend Leuten, obwohl Eintritt verlangt wurde. Mein Vortrag war neu, ich war in guter Stimmung und das Publikum sehr herzlich und es nahm meine Punkte gut auf. Unsere sozialistische Resolution brachten wir leicht durch.
Am nächsten Tag nach Dundee unter die Fittiche eines Pastors, der aus der Kirche ausgetreten ist und sich selbständig gemacht hat, weil er nicht an die ewige Verdammnis glaubt. Das Publikum gut an der Zahl, aber mehr oder weniger die Gemeinde des Pastors und ich war nur ein Teil der Unterhaltung, zu der auch Musik (wenn sie gut gewesen wäre, hätte ich nichts dagegen gehabt) und eine Rezitation des Pastors (die mir gar nicht gefiel) gehörte. Trotzdem war ich in meinem Metier und konnte in meinen 40 Minuten eine ganze Menge unterbringen. Dann über den Tay zum Haus des Pastors; ein Architekt war dabei der seinen Namen „Stark“ mit Lügen strafte, aber ich vergab ihm wegen seiner Bewunderung von Brampton Church, die er mal zufällig gesehen hatte. Ich vergaß, der junge Steggall hielt auch eine Rede und zwar keine schlechte.
Am nächsten Tag schneite es stark drei Stunden lang, aber es war dann nicht so zugeschneit wie ich erwartet hätte: die Stelle am Wasser mit seiner Aussicht auf Dundee und seinen Hügel war herrlich. Dann nach Edinburgh mit einem freundlichen, unschuldigen Genossen der Ortsgruppe Gilray, der mir Tags zuvor über den Weg lief. Du weißt, es ist eine halbe Stunde Fahrt übers Meer vom Fife kommend über den Firth nach Granton, von wo aus ich vor Jahren nach Island abgesegelt bin. Ich war Gast bei Glasse in Edinburgh und hatte eine Veranstaltung am Dienstagabend, den 5. April. Nicht sehr gut besucht, aber interessant, weil das Publikum neu zu sein schien und ein bisschen feindselig, weshalb Glasse Sorge hatte, unsere Resolution einzubringen, die wir aber nach einer ziemlich stürmischen Debatte durchbrachten. Vor allem wegen der Dummheit eines gewissen John Bone, der immer gegen alles ist und in Edinburgh bekannt ist als „Bone of Contention“.
Karte Glasgow-EdinburghAm nächsten Tag wieder nach Glasgow, unterwegs hielt ich nur in Linlithgow, wo ein Palast aus dem 15. Jahrhundert steht, eine Ruine, am Rande eines kleinen Sees, aber ziemlich vollständig. Und eine kleine Kirche, das Schiff ganz unberührt, der Chor hässlicher gemacht durch presbyterianische Veränderungen und durch einen schwachen Versuch der Restaurierung. Am Abend war dann eine etwas müde Feier der Ortsgruppe; unsere schottischen Freunde sind nicht gut in diesen Dingen, sie sind so scheu.
Am nächsten Tag, dem Donnerstag gings nach Hamilton ins Herz des Kohleabbaugebiets. Die armen Bergleute hatten gerade die Arbeit wieder aufgenommen, waren sehr niedergeschlagen und elend und unsere Veranstaltung war nur klein (im Freien wäre sie größer gewesen); aber die, die da waren, waren mit dem Herzen auf unserer Seite, außer einem Betrunkenen auf der Galerie, der darauf bestand, mich für seinen Abgeordneten Mr. Mason zu halten.
Am Freitag gings weiter nach Paisley, wo wir eine leidlich gute Versammlung in einem großen Saal hatten: das Publikum eher aufmerksam als begeistert, trotzdem bekamen wir fünf oder sechs Namen für eine neue Ortsgruppe. Der Ortsvorsteher übernahm für mich den Vorsitz, ein eigentümlicher, kleiner alter Veteran, der vor etwa fünfzig Jahren in der Zeit des Chartismus ein Fortschrittlicher war, als Paisley (wie heute) eine recht radikale Stadt war. Ein trübselig anzusehender Ort, aber mit dem noch vorhandenen Schiff der alten Abteikirche, einem schönen Bau des 13. Jahrhunderts, der wunderbar gewesen sein muss, als sein Chor noch stand, von dem nur noch einige Mauern übrig sind. Damit sollte mein Auftrag eigentlich beendet sein, aber am Mittwoch hörte ich von meinen Londoner Genossen, dass ich zu Mahon’s Unterstützung nach Newcastle fahren sollte, da er in einer sehr erfolgreichen Kampagne bei den Bergleuten steckte mit einer für Ostermontag angekündigten großen Versammlung. So sagte ich zu und blieb Samstag und Sonntag in Glasgow.
Am Samstag fuhren wir nach Coatbridge für eine open-air-Versammlung. Das ist ein Ort der Eisenindustrie und seine brausenden Hochöfen übertrumpfen Mond und Sterne. Die Männer sind hier selten ohne Arbeit, aber der Betrieb in der Teufelshöhle läuft sieben Tage durch. Arbeit am Sonntag stört den schottischen Glauben nicht, aber Spiel am Sonntag schon. Wir waren da in Rivalität mit der Heilsarmee und einem Billigen Jakob, hatten aber eine gute Versammlung, die nur von einem betrunkenen Iren gestört wurde.  Am Abend reiste ich ab nach Newcastle und dort traf ich Mahon und Mcdonald um 23 Uhr; auch Hyndman stolperte daher, da unsere beiden Gruppen dort zusammenarbeiten.

So, mein Brief ist fast fertig und gleich ist Postschluss. Deshalb schreibe ich bald wieder und erzähle Dir meine Abenteuer in Northumberland und schicke Dir die Zeitung aus Newcastle mit, die auch darüber berichtet hat. May hat sich mit Sparling auf den Weg gemacht, um diesen jungen Mann Eurer Großmutter vorzustellen. Ich fahre auch hin und sehe sie nächste Woche. Mein Liebes, sag deiner Mutter, dass ich Ihr bald schreibe und dann mehr über das „Notwendige“ und sag Ihr einen lieben Gruß. Mir geht es gut, werde aber froh sein, nach Hause zu kommen und etwas wirkliche Ruhe zu haben.

Dein Dich liebender William Morris

jennymorris123. April 1887

Meine liebste Jenny,
hier ist wieder ein Gekritzel für Dich und ich fange wieder da an, wo ich aufgehört habe. Ich kam am Ostersamstag abends um 23 Uhr nach Newcastle und traf dort Mahon und Donald und danach gleich Hyndman, der vermutlich nicht übermäßig erfreut war, mich zu sehen, da die S.D.F. dort ein ziemlich übles Spiel getrieben hat. Jedenfalls wurde ich zu einem Hotel der Temperenzler zur Übernachtung geleitet, wahrscheinlich nicht, weil man meinte, ich könnte mich sonst betrinken, sondern weil deren Häuser ruhiger und sauberer sind als andere Hotels dritter Klasse.
Früh am nächsten Morgen machten wir uns auf zu den Zechen und verließen den Zug in einer ziemlich elend aussehenden Gegend: nicht verraucht, weil die Zechen nicht arbeiteten, aber so desolat und wüst! Einst hübsches bewaldetes Flachland, wie man mir sagte – jetzt dagegen wie ein riesiger Hinterhof. Die Straßen natürlich schwarz und wir mussten gleich rauf zu einem Eisenbahngleis das auch als Fußweg dient und liefen durch eine Zeche hindurch in ein „Dorf“, wo der Bergmann mit Namen Seghill wohnt und wo Mahon eine Gruppe Anhänger hat und dann betraten wir das Haus eines unserer Freunde: die Familie war da, ein Mann, seine Frau und seine Tochter: sehr nette Leute, der Mann sehr intelligent und freundlich und mit diesem seltsamen Northumberland-Dialekt, der ihn wie einen Ausländer klingen lässt. Er ist arm dran, weil er bei einem Unfall ein Auge verlor und das andere verletzt wurde. Das Haus war so sauber und gepflegt wie ein Häuschen auf dem Lande und die Leute wirkten selber in der Art; als wir an ihren offenen Türen vorbeigingen, sahen wir meistens riesige aber unschöne Bettstellen auf dem Ehrenplatz: nun, Donald und ich setzten uns und unterhielten uns, während Mahon ging, um Absprachen zu treffen für den Aufbruch zu dem Feld, wo die Versammlung stattfinden sollte. Eine Stunde später machten wir uns auf zum Bahnhof und Mahon und ich fuhren ab nach Blithe, wo wir eine weitere Abteilung antrafen: am Bahnhof wartete eine ziemliche Menge Menschen und folgte uns zum Marktplatz und als Mahon noch weitere Dinge zu regeln hatte, brachte man einen Wagen auf den Platz, den ich erklomm und die Menge mit einer Rede von einer guten halben Stunde unterhielt. Dann brachen wir auf, eher wie ein ungeordneter Haufen, weil wir uns keine bezahlte Musikgruppe leisten konnten. Nicht mehr als die Hälfte der Leute auf dem Markt folgte uns und wir zogen ein Stück fort.
Blithe ist ein Seehafen und als wir reinkamen, konnte ich die Masten der Schiffe ausmachen und als wir durch die elenden Dörfer trotteten und durch die Halden des endlosen Hinterhofs, konnten wir zu unserer Linken einen Streifen des leuchtend blauen Meers sehen, denn es war ein schöner, sonniger Tag. Schließlich erkannten wir in einem Dorf eine versammelte Menge, eine Musikkapelle und ein Banner, wir schlossen auf, gingen schneller und stiegen auf einen kleinen Hügel, nach einem Marsch von sechs Meilen und sahen unterhalb etwa 2000 Leute auf dem Versammlungsgelände, auf dem die zwei anderen Abteilungen schon eingetroffen waren und dem von überall her noch Gruppen von Männern und Frauen zuströmten. Die Menge stand eng um den Wagen herum, von dem wir sprachen und es war da eine geordnete und gut gestimmte Menge: aber als wir alle da waren und sie auch die Reporter erkannten, riefen sie „raus mit diesen Burschen, wenn sie nicht alles zurücknehmen!“ Es waren viele Frauen da, einige von ihnen sehr aufgeregt. Eine von denen vergaß nie „Werft ihn raus!“ zu rufen, wenn eine anstößige Person genannt wurde. Rund um den Wagen setzten sich die Leute nieder, um den anderen die Chance zu geben, auch etwas zu hören. Wir mussten auf einem lebensgefährlichen Brett über dem Wagenrad stehen. Ich wollte mich da nicht drauf stellen aber einige riefen von der Seite „wenn der Mann nicht da oben steht, können wir ihn nicht hören“ und so musste ich rauf. Aber jemand trieb eine Stange auf, woran ich mich lehnen konnte und so war es doch ganz bequem. Es war sehr beeindruckend, zu einer so großen Menge von begierigen und ernsthaften Menschen zu sprechen und ich habe es gut gemacht und überhaupt nicht gestottert.
Nach der Versammlung mussten wir drei auf den Zug nach Newcastle rasen, denn wir sollten am Abend an einem anderen Ort sprechen: wir erreichten den Zug gerade noch, kamen um sechs Uhr abends an und zumindest ich war ausgehungert und so gingen wir im großen Bahnhof in das Restaurant. Als wir das Essen in uns hineinstopften, kam ausgerechnet Joseph Cowen an, sehr nett und freundlich, muss ich sagen und wir hatten ein Gespräch über alles, was in 20 Minuten gesagt werden kann. Dann mussten wir los nach Ryton Willows, noch heute ein hübscher Ort am Tyne. Es ist ein Erholungsort und da es Ostermontag war, war viel Volk da an Schaukeln, beim Cricket, beim Tanzen und dergleichen. Ich hielt es für einen vielleicht ungeeigneten Platz für eine ernste sozialistische Versammlung, aber wir hatten sofort eine Menge um uns und ich redete wahrscheinlich zu lange – bis die Sterne heraustraten und es dunkel wurde. Die Leute standen ruhig da und hörten zu und als wir Schluss machten, ließen sie uns Sozialisten dreimal hoch leben; alles war mächtig freundlich und erfreulich und damit gingen wir zurück zum Abendessen und ins Bett, worüber ich sehr froh war.
Dennoch fühlte ich mich am nächsten Morgen gut und frisch und kam früh genug nach London zurück zur Sitzung unseres Councils, auf der wir eine Versammlung vorbereitet haben, die zur Unterstützung der Bergleute morgen im Hyde-Park stattfindet.
FamilieMorris1874Soviel meine Liebe von meinen Abenteuern, die nicht sehr abenteuerlich sind, aber ich weiß, dass Du gerne erfährst, was ich so treibe. Crom (Edward Burne-Jones) war in London und ist noch da, ich habe ihn zweimal getroffen. Er sieht wieder gut aus, obwohl es ihn schwer erwischt hatte und er im Bett liegen musste. Gestern fuhr ich runter zu deiner Großmutter und beide Emmas waren da und sahen so alt aus! Großmutter war in Ordnung aber ich glaube wieder etwas mehr taub und sie zeigte ihr Alter mehr, als ich sie zuletzt sah. Der Spätfrühling war hier sehr schön, die Raben sehr zahlreich und musikalisch, aber ich fühlte mich alt, seltsamerweise älter, als wenn ich unter Jüngeren bin. Ich hoffe, nächste Woche zwei oder drei Tage in Kelmscott ausspannen zu können, wohin ich am Mittwoch fahre, aber es gibt noch einige Hindernisse. Entschuldige bitte, wenn ich ein paar Neuigkeiten ausgelassen habe aber ich muss doch ins Bett, da es gerade zwölf geschlagen hat.

Alles Liebe für Dich und deine Mutter,
dein Dich liebender WM

Die Briefe sind abgedruckt in The Collected Letters of William Morris, Volume II, Part B: 1885-1888, Princeton University Press. Hier die Briefe in englischer Sprache und mit Anmerkungen.

Jenny Morris (1861-1935) war zur Zeit der Briefe 26 Jahre alt. Mit 15 Jahren begann sie unter Epilepsie zu leiden, die man damals noch nicht so diagnostizieren und behandeln konnte wie heute. Artikel über Jenny Morris

Zum Bild: Links Familie Burne-Jones, rechts Familie Morris. Neben Jane Morris die Töchter May und Jenny (1874).

 

 

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