Manifest der Gesellschaft zum Schutz alter Bauwerke

Eine Gesellschaft, die unter diesem Namen vor die Öffentlichkeit tritt, muss erklären, wie und weshalb sie alte Bauten schützen will, wenn diese, unbezweifelt von den meisten Menschen, scheinbar doch so viele hervorragende Beschützer haben. Hier also unsere Erklärung:
Unbestreitbar ist in den letzten fünfzig Jahren ein neues Interesse an den alten Monumenten der Baukunst erwachsen (fast wie eine neue Wahrnehmung) und sie wurden Gegenstand eines der interessantesten Studiengebiete und des religiösen, historischen und künstlerischen Enthusiasmus (eine der unbezweifelten Errungenschaften unserer Zeit) – wenn wir uns aber diesen Enthusiasmus weiter fortgesetzt denken, werden unsere Nachkommen die alten Bauwerke ohne Nutzen für ihre Studien und ohne Anregung zu Enthusiasmus vorfinden. Wir glauben, dass die Kenntnisse und die Aufmerksamkeit der letzten fünfzig Jahre mehr zu ihrer Zerstörung getan haben als alle vorangegangenen Jahrzehnte von Revolution, Gewalt und Missachtung.
Denn die Architektur starb nach langem Niedergang (zumindest als Kunst des Volkes) gerade in dem Moment aus, als das Wissen über mittelalterliche Kunst geboren wurde. Deshalb fehlt der zivilisierten Welt des 19. Jahrhunderts mit ihren großartigen Kenntnissen über die Stile anderer Jahrhunderte ein eigener Stil. Aus beidem, dem Mangel und dem Vorteil, wuchs im menschlichen Bewusstsein die seltsame Idee der Restaurierung alter Bauwerke – eine merkwürdige und höchst fatale Idee, die schon im Namen die Annahme mitführt, dass es möglich sei, von einem Gebäude dieses und jenes und noch einen Teil der Geschichte (also von seinem Leben) wegzunehmen und dann die Hand vor einem willkürlich gewählten Teil ruhen zu lassen: diesen noch historisch, lebendig oder sogar so, wie er einmal war, zu belassen.
In früherer Zeit war diese Art von Fälschung unmöglich, denn den Bauleuten fehlten die Kenntnisse oder der Instinkt hielt sie zurück. Wenn Reparaturen notwendig waren, wenn Ambitionen oder Frömmigkeit zu Veränderungen anstachelten, dann wurden sie deshalb in dem unverwechselbaren Stil der Zeit ausgeführt. Eine Kirche des 11. Jahrhunderts wurde durch Erweiterung oder Umbau zu einer des 12., 13., 14. oder des 17. und 18. Jahrhunderts, aber jeder Umbau, welche Geschichte er auch zerstörte, fügte Geschichte in die Lücke und gab durch die Neugestaltung das Zeugnis des lebendigen Geistes der Epoche. Das Ergebnis von alldem war oft ein Gebäude, in dem die vielen Änderungen, obwohl grob und deutlich sichtbar, gerade durch ihren Kontrast interessant und instruktiv waren und nicht in die Irre führen konnten. Aber die, die in unserer Zeit diese Umbauten im Namen der Restaurierung machen, sie haben keinen Wegweiser, der ihnen zeigen würde, was bewundernswert und was abzulehnen ist – außer ihren individuellen Marotten. Während sie vorgeben, das Gebäude in den Zustand seiner besten Tage zurückzuversetzen, ist es geradezu ihre Pflicht durch den bekommenen Auftrag, etwas zu zerstören und die fehlende Stelle durch etwas zu ersetzen, was nach ihrer Vorstellung die früheren Baumeister getan hätten oder hätten tun sollen. Überdies wird im Zuge dieses doppelten Vorgangs von Zerstörung und Hinzufügung die gesamte Oberfläche des Bauwerks notwendigerweise auffrisiert, also die antike Erscheinung des Baumaterials, soweit noch vorhanden, weggenommen und es gibt danach keinen Schimmer für die Betrachter mehr von dem, was verloren ging: kurz, eine kraft- und leblose Fälschung ist das Endergebnis aller vergeudeten Arbeit.
Traurig sagen zu müssen, dass auf diese Weise die meisten der größeren Kathedralen und eine sehr große Anzahl einfacherer Gebäude (in England und auf dem Kontinent) von Menschen – oft mit Talent und einer besseren Aufgabe würdig – in der höchsten Bedeutung der Worte wie taub gegenüber den Forderungen von Poesie und Geschichte behandelt wurden.
Für das, was noch übrig ist, bitten wir vor den Architekten selber, vor den offiziellen Wächtern der Gebäude und vor der allgemeinen Öffentlichkeit um deren Schutz und wir flehen sie an, sich zu erinnern, wie viel vom Glauben, den Gedanken und der Lebensweise vergangener Zeiten schon der Restauration unterzogen wurde und darüber nachzudenken, ob es denn möglich ist, Bauten zu restaurieren, deren lebendiger Geist (es kann nicht oft genug wiederholt werden) ein unabtrennbarer Teil dieses Glaubens, dieser Gedanken und vergangenen Lebensweise war. Für unseren Teil versichern wir ihnen furchtlos, dass die schlimmsten der bisherigen Restaurationen ein rücksichtsloses Wegnehmen der interessantesten Charakterzüge von Baumaterial und Bauart waren, während die exakte Analogie für die besten die Restaurierung eines alten Gemäldes ist: die teilweise verschwundene Arbeit des alten Meisters wird durch die trickreiche Hand irgendeines gedankenlosen und unoriginellen Pfuschers von heute nett und hübsch gemacht. Wenn wir schliesslich gefragt würden, ab welcher Menge an Kunst, Stil oder anderswie Interessantem ein Bauwerk schützenswert sei, dann antworten wir: alles, was als künstlerisch, pittoresk, historisch, antik oder als wesentlich angesehen werden kann. Kurz gesagt: Jede Arbeit, die gebildete und kunstverständige Menschen der Auseinandersetzung wert finden.
william-morris-protest-york-churchesUm all dieser Bauwerke willen, aller Zeiten und Stile, flehen und appellieren wir an alle, die mit ihnen zu tun haben, Schutz an die Stelle von Restaurierung zu setzen: den Verfall durch ständigen Unterhalt aufzuhalten, eine instabile Mauer zu stützen und ein undichtes Dach abzudichten – ohne etwas anderes vorzutäuschen und sich allen Verfälschungen an vorhandener Substanz oder Ornamenten zu widersetzen. Wenn es für heutige Zwecke ungeeignet geworden ist, dann soll man eher ein neues Gebäude errichten als das alte verändern oder vergrößern. Gehen wir mit unseren alten Bauwerken als Monumenten einer vergangenen Zeit, geschaffen mit den Mitteln einer vergangenen Zeit – mit denen moderne Kunst nicht gemischt werden kann, so um, dass sie dabei nicht zerstört werden!
So und nur so werden wir dem Vorwurf entgehen, dass unsere Gelehrsamkeit schließlich zum Fallstrick wird; so und nur so werden wir unsere alten Bauten schützen können und sie lehrreich und ehrwürdig an die nach uns Kommenden weitergeben können.

„The Society for the Protection of Ancient Buildings“ gründete sich auf Initiative von William Morris im April 1877. Morris verfasste das Manifest (zumindest schrieb er den Entwurf) und wurde ihr erster ehrenamtlicher Sekretär. Unter den namhaften Mitbegründern waren Thomas Carlyle, John Ruskin, Edward Burne-Jones, Philip Webb und Lord Houghton. Die Gesellschaft war sehr wirksam und Morris setzte sich für ihre Ziele bis ans Lebensende ein. Sie existiert bis heute und hat das Manifest als Arbeitsgrundlage unverändert beibehalten:

Dieses Manifest könnte der erste Text von Morris gewesen sein, der ins Deutsche übersetzt wurde. Das geschah im Frühjahr 1879, als die SPAB eine Auslandssektion gründete und das Manifest in mehrere kontinentale Sprachen übersetzte. In Deutschland setzte sich die SPAB von England aus gegen eine damals geplante Restaurierung der Ruinen des Heidelberger Schlosses und für die Erhaltung der Nürnberger Stadtmauer ein.
Der englische Originaltext  –  Eigene Übersetzung, 2013

aHof1Eines der traurigen Beispiele aus neuerer Zeit: der Alte Hof  in München (einstmals Residenz Ludwig des Bayern) um 1900 und nach 2000.
(letzte Fotos April 2013)
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„Dialog mit dem Denkmal“:
http://www.peterkulka.de/likecms/likecms.php?site=site.html&dir=&nav=-1&p=1&pthema=4&pid=14
„Sanierung und Revitalisierung“:
http://www.auer-weber.de/deu/projekte/index.htm
„Attraktive Lebensräume“:
http://www.architekten24.de/projekt/alter-hof-muenchen/uebersicht/3090/index.html
„Objekt“:
http://realestate.union-investment.de/immobilien/liegenschaften_deutsch/464da3d57321ca6558d2accecd76c01a.0.0/Muenchen_Alter_Hof.html
„Wohnen wie der Kaiser“ (Kasse machen mit den kleinen Kaiserlein von heute):
http://www.tz-online.de/aktuelles/muenchen/zentraler-geht-es-nicht-wohnen-im-herzen-der-stadt-94021.html

Alles tot (außer einem noch erhaltenen Erker und Dachstuhl). 2010 wurde der Preis für Stadtbildpflege der Stadt München verliehen.

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