Die Ursache der Prostitution

Das viktorianische Großbritannien war scheinheilig, die Körper der Armen billig und die Gesetze auf Seiten der Stärkeren. Wie abgründig Individuen der herrschenden Klasse Frauen und Mädchen sexuell ausbeuteten, wurde 1885 durch den Journalisten W.T. Stead in einer Artikelserie in der Pall Mall Gazette enthüllt: „Der Jungfrauentribut im modernen Babylon“. (Über W.T. Stead steht sehr viel in Wikipedia und alle Texte finden sich hier.)
Die Socialist League stieg auf diese Enthüllungsaktion mit Versammlungen und Flugblättern ein:

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Die Ursache der Prostitution

Die bessere Gesellschaft wurde vor kurzem schockiert durch die Enthüllung der Umstände, die die Befriedigung der bestialischen Gelüste einiger reicher Männer begleiten, obwohl bis dahin der Schock lange ausgeblieben war über den ganzen Horror, der das Leben der Frauen und Mädchen umgibt, die ihre Körper an die Lustgier der Wohlhabenden verkaufen. Ausgelöst durch diesen Schock haben wohlmeinende Leute ein Gesetz durchgebracht, in der Hoffnung, dadurch die Schrecken der Prostitution zu mildern. Dieses Gesetz wird aber das Übel nicht beseitigen – es wird so wirken wie alle anderen Strafgesetze in unserer Gesellschaft – manchmal wird es Kriminelle bestrafen, aber es wird das Opfer nicht schützen.
Denn die Opfer der Prostitution sind nicht so sehr die Opfer von Individuen, sondern der Gesellschaft insgesamt: das bestehende System der Gesellschaft erzeugt die Prostitution so wie die anderen Übel, die die Arbeiter ertragen müssen; ohne sie könnte es nicht existieren.
Arbeitsleute, denkt daran, dass die Prostituierten durch Zwang aus Eurer Klasse heraus zu dem gemacht werden: es sind Eure Töchter, nicht die Töchter der Reichen oder Gutgestellten; deren Laster mögen sein wie sie wollen, sie werden von denen, die sich dieser Laster bedienen, nicht zu lebenslangen Sühnequalen verurteilt, wie es mit den Töchtern von Arbeiterfamilien geschieht.
Also welches Laster muss gesühnt werden? Welches Verbrechen muss bestraft werden?
Das Laster des Überleben-Wollens, und sei dieses Leben noch so elend; das Verbrechen der Armut.
Männer und Frauen der Arbeiterklasse, auch Ihr bekommt Euren Teil der Strafe für dieses Verbrechen ab, selbst wenn Ihr nicht so weit getrieben werdet,  zu Dieben oder Prostituierten zu werden: bestensfalls habt ihr keine freie Zeit außer der, die Ihr auf der Straße herumsteht, wenn Ihr ohne Arbeit seid. Ihr seid schlechter untergebracht als die Pferde und Jagdhunde der Reichen, an jeder Wendung Eures prekären Lebens steht das Arbeitshaus bereit; Ihr habt kein Geld, die Freuden und Verfeinerungen der Zivilisation zu kaufen, jene Annehmlichkeiten, die Ihr selbst so reichlich für die Reichen bereitstellt.
Und doch würde die Zivilisation ohne Euch innerhalb eines Tag sterben. Sollen wir Euer Elend dann Strafe für Eure Armut nennen, oder Belohnung der Zivilisation dafür, dass Ihr sie ertragt?
Die Prostitution Eurer Töchter und Schwestern ist nur ein Teil dieses Elends und wird es trotz aller Gesetze bleiben, solange Ihr die Sklaven der Kapitalisten seid, die Eure Arbeit verbilligen durch die billige Arbeit von Frauen.
Ihr kennt deren Löhne und dass niemand vorgibt, dass sie für die einfachste Lebenserhaltung ausreichen würden: welches Gesetz kann sie denn davon abhalten, auch das zu verkaufen, was sie dann noch zu verkaufen haben – die Benützung ihres Körpers?
Nein, welches Gesetz könnte sie zu „Sittlichkeit“ zwingen, wenn sie gezwungen sind, in den fürchterlichen Ställen unserer Großstädte zu leben, gepackt wie Heringe in der Kiste, ohne auch nur eine Stunde des Tages dem Schmutz und Elend ihres „Heims“, der entnervenden Marter durch ungesunde Werkstätten oder dem Gehetze in den überfüllten trostlosen Straßen zu entkommen.
Arbeiter, ihr wisst, dass für die, die unter solchen Bedingungen leben, das Wort „Sittlichkeit“ ohne Bedeutung ist. Helft uns, diese Bedingungen zu ändern, durch das Loswerden der nicht arbeitenden und verschwendenden reichen Klassen mit der daraus  folgenden Konsequenz, die Armut loszuwerden. Es gibt auf der Welt genug für uns alle, um gut zu leben, wenn wir nur wie Brüder zusammenarbeiten: wenn wir so arbeiten, kann uns nichts, so wie jetzt, zu Laster und Unreinheit zwingen. Denkt an diese Dinge, Arbeitskameraden und wehrt Euch dagegen, zu Laster und Verbrechen getrieben zu werden – mit einem Wort ins Unglück: schließt Euch uns an, kämpft mit uns für den SOZIALISMUS, der einzigen Abhilfe gegen all das schreckliche Leid der Arbeiter.


Flugblatt der Socialist League aus ihrem Gründungsjahr 1885.
Die historische Forschung ist sich nun allerdings nicht sicher, ob William Morris den Text verfasste oder Eleanor Marx, da es keinen Unterschied in ihren dokumentierten Äußerungen in dieser Frage gibt:

The Socialist League Leaflets and Manifestoes: An Annotated Chec

(Artikel von Eugene D. Lemire über die Flugblätter und Manifeste der Socialist League)
Der Artikel „The Pall Mall Gazette“ von Eleanor Marx im Commonweal.
Morris und Eleanor Marx sprachen dazu auch auf einer Versammlung der Socialist League am 8. August 1885 (dokumentiert nach Mitschrift in einem Artikel des Commonweal):
Redebeiträge zu W. T. Stead’s Enthüllungen der Prostitution in London
WILLIAM MORRIS: Zwei Dinge sind zu bemerken. Zuerst, dass immer die Kinder der Armen die Opfer sind. Zweitens das furchtbare und elende Unglück, das das ganze Geschehen darstellt. Es gibt viel Gerede von der Morallosigkeit. Was immer unglücklich ist, ist unmoralisch. Es ist dieses Gegenteil von Glück, das wir loswerden müssen. Mit der Morallosigkeit an sich haben wir nichts zu schaffen. Wir haben es zu tun mit den Ursachen, die uns diese glücklose Weise zu leben aufzwingen; die Ursachen, die Mädchen und Frauen auf die Straße treiben, ihre Liebe zu verkaufen, nicht um sie zu geben. Die Ursachen davon sind dieselben, die einen Mann dazu bringen, sich degradieren zu lassen durch Überstunden und Konkurrenzkampf. Da gibt es den engsten Zusammenhang zwischen der Prostitution des Körpers auf der Straße und der des Körpers in den Betrieben. Die Löhne von Frauen sind nicht einmal subsistenzerhaltend. Das ist deshalb so, um die Arbeit für die Fabrikherren zu verbilligen. Die erste notwendige Sache ist, dass alle Frauen vom Zwang befreit werden, auf solch erniedrigte Weise leben zu müssen. Unser Ziel ist die wirkliche Freiheit jeder menschlichen Kreatur und nicht die Freiheit zu hungern oder sich selbst oder seine Kinder zu verkaufen. Die Gesellschaft von heute ist wie ein sinkendes Schiff, auf dem sich die Leute gegenseitig auffressen. Der wahre Minotaurus ist das Kapital – nicht ein einzelner Mensch, sondern das gesamte System ist schuldig. Dieses System loszuwerden ist unsere große Aufgabe. Wir wünschen, dass alle frei sind, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen – mit dieser Freiheit werden diese Ungeheurlichkeiten beendet werden und wahre Liebe wird sein zwischen Mann und Frau in der ganzen Gesellschaft.
(dieser Text hier in einer modernen Animation)
Eleanor MarxELEANOR MARX: (zur Abstimmung über eine Resolution war von einem Teilnehmer ein Zusatz vorgeschlagen worden) Ein Wort oder zwei zu dem Zusatzvorschlag. Er spricht von individueller Verantwortung. Man muss doch das Individuum erst in eine entsprechende Position bringen, damit es verantwortlich sein kann. Wie sollten Kinder von 10 bis 13 Jahren „verantwortlich“ sein? Doch sie stellen die größte Zahl der Opfer. Ich gehe noch weiter. Die Männer selber, furchtbar wie ihre Taten, sind nicht verantwortlich. Als unvermeidbare Folgeerscheinung der sozialen Bedingungen sind sie nicht mehr verantwortlich als die Kinder. Wir erschaffen nicht den Klassenkampf. Wir zeigen nur auf, dass er existiert und weil wir ihn abschaffen wollen, werden wir angegriffen. Das Übel kann nicht gemildert werden. Es muss aus dem Weg geräumt werden und die einzige Möglichkeit dazu ist, jeden Menschen in die Position zu bringen, wo individuelle Verantwortung möglich ist. Zur Gesetzgebung: es ist natürlich richtig, dass in besonderen Fällen die gleichen Strafen über Männer und Frauen verhängt werden sollten, aber diese Gesetze werden den Arbeitern nicht wirklich helfen. Wir alle wissen, dass Gesetze nicht gleich angewendet werden und so ist es auch mit diesen. Es gab ein Gerede von „Übertreibungen“, die es da gegeben habe. Wenn die Tatsachen so sind, dann kann die Sprache nicht übertreiben – und es wird zugegeben, dass die Tatsachen stimmen. Tatsache ist, Frauen werden zur Prostitution getrieben; nicht nur Frauen aus der Arbeiterklasse sondern auch viele aus der Mittelschicht. Von Gouvernanten wird oft verlangt, dass sie zwei oder drei Sprachen lehren können sollten, über „Fertigkeiten“ verfügen, sich respektabel kleiden und das für sechs Schilling die Woche. Fast alle Frauen, die für sich selber sorgen müssen, haben zwischen Hunger und Prostitution zu wählen und das wird so weiter gehen, solange eine Klasse sich die Körper einer anderen Klasse kaufen kann, ob in Form von Arbeitskraft oder von sexuellen Handlungen. Eifer alleine nützt nichts. Deshalb fordern wir Männer und Frauen auf, sich jetzt uns anzuschließen, um diese veränderten Bedingungen zu schaffen, die Eigenverantwortung erst möglich machen.
Die Resolution der Versammlung lautete: „Angesichts der abscheulichen Verdorbenheit der kapitalistischen Klasse und der an den Kindern der arbeitenden Klasse verübten Freveltaten, erklärt diese Versammlung, dass solche Übel unter dem kapitalistischen System unvermeidlich sind und niemals völlig beseitigt werden noch ihnen abzuhelfen ist, solange dieses System nicht an sein Ende kommt.“

Am 22. August fand eine riesige Protestversammlung im Hyde Park statt. Es nahmen daran Tausende Frauen teil, weshalb dieser Tag als ein Markstein der englischen Frauenbewegung gesehen wird. Auch Moralwächter und die Heilsarmee… Die Socialist League beteiligte sich mit diesem Flugblatt:

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Armut und Prostitution!

Fellow Workers,
zeigt Eure Sympathie gegenüber Euren unglücklichen Schwestern, Eure Ernsthaftigkeit in der Frage der Geschlechtermoral und Eure Entschiedenheit, für die Emanzipation der Arbeit einzutreten und macht damit diesem Elend und dieser Erniedrigung, die sich jetzt so verheerend verbreiten, ein Ende, indem Ihr die folgende Resolution unterstützt und Euch unter dem Banner des Sozialismus einreiht – dem Bekenntnis des Humanismus – und der einzigen Rettung für die Arbeiter aller Länder dieser Erde.

Beschluss:

Da das bestehende System des Eigentums, in dem alle Mittel der Produktion von einer Klasse monopolisiert sind, Frauen zwingt, ihre Körper im Bordell zu verkaufen, drückt diese Versammlung ihre Überzeugung aus, dass die Basis der Gesellschaft verändert und alle Klassen abgeschafft werden müssen und ruft die Arbeiter auf, sich aufzuraffen, um diese Veränderung ins Werk zu setzen.


Mehrere amerikanische Zeitungen druckten folgenden Bericht der Demonstration:

Hyde Park Morality

 

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