Die anziehende Arbeit

In meinem Artikel* vom letzten Monat versuchte ich klar zu machen, dass unter dem Lohnsystem Arbeit unattraktiv sein muss, dazu übermäßig in der Dauer und unterbezahlt. Da das Herausholen von Mehrwert das einzige Ziel der Benützer der Arbeitskraft ist, können sie sich keinen Moment lang damit abgeben, ob die Arbeit, die den Mehrwert schafft, den Arbeiter freut oder nicht. Um aus der Arbeit die größtmögliche Menge an Mehrwert zu ziehen und unter Konkurrenzdruck Profit zu machen, ist es in Wirklichkeit absolut notwendig, dass sie unter solchen Bedingungen geleistet werrden muss (wie ich zuletzt schrieb), dass sie eine Last ist, die ohne Zwang niemand ertragen würde. Dem wird allseits zugestimmt, nein – die Antisozialisten bestehen laut darauf. Die Notwendigkeit von Klassenunterschieden als Mittel, Leute zur Arbeit zu zwingen, ist in ihren Gedanken immer präsent; kein Wunder, da der Arbeiter von heute der einzige Typ Arbeiter ist, den sie sich vorstellen können: degradiert in Jahrhunderten erzwungener Arbeit, geplagt und hoffnungslos. Auf einen solchen Menschen muss immer wieder frischer und erneuerter Zwang ausgeübt werden, koste es was es wolle, bis die Saite unter der Anspannung reisst. Es ist kein Wunder, dass schon die bloße Idee der Abschaffung der Hierarchie des Zwangs jene erschreckt, die sich unserer modernen Zivilisation erfreuen. Für uns, deren Aufgabe es ist, die Leute zur Abschaffung dieser Hierarchie hin zu führen, die wir überzeugt sind, dass Moral, Sehnsucht und was sonst noch der Menschen durch ihre materielle Umgebung bestimmt sind, gibt es keinen Platz für Furcht vor den Konsequenzen einer Revolution. Wir fürchten die Transformation der Zivilisation nicht, wir hoffen auf sie; sie ist eine sichere Hoffnung für uns, die uns für die Enttäuschungen und Mühen des Tages entschädigt, die uns „das Leben lebenswert“ macht. Mein Grund, warum ich das schreibe, ist, das Beste tun zu wollen, um diese Hoffnung im Geist unserer Kameraden zu stärken. Für diese Absicht möchte ich eine sehr kurze Beschreibung der anziehenden Arbeit geben, für die ich natürlich voraussetze, dass sie nicht für den Profit eines Chefs, sondern zur Produktion des Wohlstandes von uns selbst und unserer Nachbarn getan wird.

Ohne große Anstrengung kann ich mir vorstellen, dass die Arbeit unter genau den entgegengesetzten Umständen zu den, die sie jetzt umgeben, weitergehen würde und die Welt keinesfalls ärmer dran wäre. Dann wäre es vor allem anderen möglich, dass ein Mensch die Arbeit für sich aussuchen kann, die ihm am besten liegt, wenn er geistig und körperlich von gesunder Konstitution ist. Das hieße, dass Arbeit schon nicht mehr länger eine reine Last für ihn wäre, denn jeder Mensch will das tun, was er gut tun kann; es gibt also zumindest ein gewisses Vergnügen in solcher Arbeit. Diese Wahl der Tätigkeit wäre nicht schwierig; dennn obwohl es unter unseren jetzigen profitgetriebenen Umständen scheinen mag, dass die Menschen wenig Auswahl in dieser Beziehung haben, dass sie antriebslos und gleichgültig ihrem Tun gegenüber sind, damit sie wenigstens einigermaßen leicht davon leben können – ist diese Haltung künstlich hervorgerufen durch die Tyrannei des Kommerzes. Die angeborenen Fähigkeiten der Menschen sind ziemlich ebenso vielfältig wie ihre Gesichter, aber individueller Charakter und unterschiedliche Fähigkeiten werden nicht wertgeschätzt von dem System, das dahin tendiert, ausgebildete Facharbeit insgesamt loszuwerden. Ein Mensch der jetzt als Teil der industriellen Wirtschaft existiert, muss sich als hundertster Teil einer Maschine unterordnen und alles Verlangen hinunterschlucken, das er auf Anwendung besonderer Fertigkeiten hat.

Aber in einer vernünftig eingerichteten Gemeinschaft würde nach diesen verschiedenen Fähigkeiten gesucht und diese würden gepflegt, das manuelle und technische Können wäre ein wesentlicher Teil aller Erziehung; nicht nur würden sie Kindern schrittweise und leicht gelehrt, als Nachholen ihrer Vergangenheit würden auch Erwachsene die Möglichkeit erhalten, mehr als einen Beruf zu erlernen. Es gäbe keinen Grund, sie zu zwingen, einen Beruf ihr ganzes Leben lang auszuüben. Nein, viele oder die meisten Menschen würden ihre Beschäftigung von Tag zu Tag variieren. Sicher würde fast jede/r neben inhäuslicher Beschäftigung eine gewisse Zeit auf dem Feld oder im Garten arbeiten und wenn es nicht mehr wäre als bei der Ernte oder beim Einbringen des Heus zu helfen. Solche Beschäftigungen würden in der Realität zu den fröhlichsten und triumphalsten Festivitäten werden, wie die Dichter sie erträumten. Von solchen Freuden gibt es immer noch Hinweise oder Überbleibsel in barbarischen Ländern. Aber neben solch offensichtlichen Veränderungen der Arbeit wie diesen kann gewisse nützliche Arbeit im Freien gefunden werden, durch die ein Mensch seine häusliche Arbeit abwechseln kann; z.B. in den Tätigkeiten, die mit dem Transport von Lebensmitteln zu tun haben. Um solche Möglichkeiten zu finden, müssen die Menschen nur ihre Aufmerksamkeit auf das Leben richten statt auf das Profitzusammenkratzen.

Diese Aufgabe, die Tätigkeit der Menschen ihren Fähigkeiten anzupassen und nicht ihre Fähigkeiten der Arbeit, so wie jetzt, wäre die allerwichtigste Umkehrung im System der Arbeit. Und obwohl mein Hinweis in wenigen Worten ausgedrückt ist, bitte ich unsere Leser zu überdenken, welchen Unterschied es in der Arbeit ausmachen würde. Es ist nicht zuviel gesagt, dass der Unterschied unermesslich wäre; so umgewandelte Arbeit würde sich erstmal nicht in der Quantität, sondern in ihrer Art von der bestehenden unterscheiden. Um die Veränderung aber zu vervollständigen sind zwei andere Elemente notwendig: freie Zeit und Freundlichkeit der äußeren Umgebung. Über das erste muss ich nichts sagen, das versteht sich schon von selbst, nachdem der bessergestellte Teil der Arbeiter so lange mit den „Arbeitgebern“ um die Länge des Arbeitstages gekämpft hat; obwohl gegen sie unter der Voraussetzung gekämpft wurde und wird, dass das Lohnsystem für ewig dauert  – dass eine auf Zwang aufgebaute Hierarchie notwendig sei und die Verkürzung der Tagesarbeit real nur eine reine Lohnerhöhung bedeutet hat.

Was wirkliche Freizeit betrifft, fürchte ich sagen zu müssen, dass arbeitende Menschen nicht kennen, was sie bedeutet; ihre Arbeit ist meist eine ängstliche, angestrengte, hastige Schufterei, mit den Variationen, die der natürliche Widerstand gegen solche Sklaverei zwangsläufig als Reaktion hervorruft. Oder ein lustloses Trödeln durch den Tag, wenn sie, da sie ihn nicht bewusst steuern können, ihn wenigstens irgendwie hinter sich bringen können. Diese beiden Miseren sind meilenweit entfernt von der Art zu arbeiten, wenn Menschen nicht für Lohn arbeiten sondern für den Wohlstand der Gemeinschaft; die Arbeit würde gewollt getan werden und gedankenvoll zum Wohl des Besten und nicht zum Besten des Profits; daneben glatt und flott von der Hand gehen, da sie von Hoffnung begleitet wäre und von Erwartung, nicht auf die Plackerei des nächsten Tages, sondern auf einen Tag weiteren Vergnügens, das Menschen haben, die sich sagen „lasst uns mit dieser Aufgabe fertig werden und dann auf zum nächsten Stück unseres Lebens“. In so getaner Arbeit liegt keine Sklaverei, wogegen gewöhnliche Arbeit heute nichts anderes ist als Sklaverei. Die einzige Frage ist nur, ob die Sklaven nichts tun oder ob sie fleißig sind. Im Ganzen genommen, vom Effekt auf die Gemeinschaft her gesehen, wäre es besser, wenn sie nichts täten.

So getane Arbeit, abwechslungsreich und geistig anspruchsvoll, ohne Intensivierung bis zum Bruchpunkt der menschlichen Maschine und doch mit wirklich fachlichem oder sogar künstlerischem Ansporn, wäre keine Last, sondern ein dem Leben hinzugefügtes Interesse (ganz abgesehen von seiner Notwendigkeit). Wenn wir solche Arbeit zu tun hätten, würden wir sogar einige Unannehmlichkeiten unseres Stadtlebens mit Gelassenheit als zeitweilige Übel ertragen, aber sicher wohl nicht das bedrückende Elend, in das uns die Hierarchie der Macht heute zwingt. Aber es gibt keinen Grund, warum wir diese Unannehmlichkeiten weiter tragen sollten, denn es ist zum Beispiel nur wegen des Profitmachens, dass wir in armseliger Enge, eingezwängt mit fehlender Ellenbogenfreiheit arbeiten müssen, was in den Fabriken die allgemeine Regel ist.

Das Zusammenballen von Fabriken zu großen Städten oder einer Agglomeration von Städten ist eine Sache, die wir ablehnen sollten, wenn wir freiwillig arbeiten und dabei die Absicht haben, ein glückliches Leben zu führen. Ein großer Teil der Arbeit wird noch immer in Werkstätten geleistet und nicht im Fabriksystem. Es gibt keinerlei Art von Notwendigkeit, diese Werkstätten in den Anballungen von Durcheinander und Elend, die wir Großstadt nennen, zu konzentrieren. Zentren von handhabbarer Größe würden alle Grundbedingungen fürs Leben, Kultur und Beweglichkeit bereitstellen, wenn alle gebildet sind und die entsprechende Freizeit haben, die allein Bildung wertvoll macht und wenn sie über Klugheit verfügen (ziemlich gleich verteilt unter den Gruppen von Frauen und Männern), die nicht erstickt wird von bedrückendem Elend. Die einzige Sache, die riesige Zentren für die wenigen Privilegierten heute wünschenswert macht, ist die Tatsache, das das Leben des größeren Teils der Menschen in Plackerei verschwendet wird. Auf der anderen Seite, wo assoziierte Arbeit im Großmaßstab nötig wäre und das Fabriksystem in seiner vollsten Organisation angewendet werden müsste, wäre jede dieser hochentwickelten Fabriken (was die Produktionsmittel betrifft) wie es dann sein sollte und müsste, selber eine Stadt. Es sollte keine bloße Phalansterie auf philantropischer Basis sein, eingerichtet um eine Existenz zu verbringen, die irgendwie besser sein sollte als die, welche die hilflosen Lohnsklaven unserer Fabrikmühlen heute leben – doch frei von den wahren Freuden des Lebens. Sondern es sollte alle Möglichkeiten für ein kultiviertes und wohlbeschäftigtes Leben in sich enthalten – gleichzeitig menschlich, erholsam und strebsam. Es gibt keinen Grund, warum sie selbst nicht schön sein sollte und das Land um sie herum könnte wie ein Garten sein. Wenn wir für unseren eigenen Wohlstand arbeiten und nicht für die Verschwendung durch andere, werden wir es sicher als richtig ansehen, einen Teil unserer Arbeit für anständige Behausungen zu verwenden und darauf achten, dass unsere Arbeit keine Zeichen rasender Hast hinterlässt: verursacht durch die Gewalt von Zerrüttung und Hunger, in Form von Rauch und Aschehaufen und all dem unbeschreiblichen Schmutz, der heute unsere Fabrikdistrikte schändet und deutlich sichtbar die dort verrichtete Arbeit als das brandmarkt, was sie ist – Arbeit von hilflosen Sklaven für hilflose Herren.

Doch eine Arbeit unter solchen Bedingungen, die ich fordernd entworfen habe, würde, da bin ich mir sicher, für alle anziehend sein, ausgenommen die Ausnahmen, die Ungeheuer von Landstreicherei und Faulenzerei, die jetzt durch exzessive Überarbeitung (dem allgemeinen Los der Arbeiter) oder durch das privilegierte Nichtstun der Reichen ausgebrütet werden. Deren Nachwehen mögen noch für einige Generationen andauern, aber bald würde sich alles in der allgemeinen Gemeinschaft einer Bevölkerung auflösen, die ein Leben in fröhlicher Ausübung ihrer Energien führt.

Durch solche Arbeit und solches Leben werden wir vom Futterkrieg untereinander befreit sein zum edleren Wettkampf mit der Natur und würden herausfinden, dass auch sie, sobald bezwungen, Freund sein wird und nicht unser Feind.


“Attractive Labour”, Commonweal Juni 1885

„Die abstoßende Arbeit“, ebenda, Mai 1885

Dieser Beitrag wurde unter Editorial, Texte von William Morris veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.