Mike Cooley: Über Kreativität und Lernen in der Arbeit

CoolMit Mike Cooley sprachen Roger Coleman und Ian Todd am 19. November 1983.
Biographische Notiz (aus dem damaligen Vorwort):
Mike Cooley bekam 1981 den Alternativen Nobelpreis für seine Arbeit über gesellschaftlich nützliche Produkte und menschenorientierte Systeme. Er war Senior Design Engineer bei Lucas Aerospace und als langjähriger Gewerkschafter (1971 war er Präsident von AUEW-TASS) intensiv an der Ausarbeitung des Lucas Workers Alternative Plan beteiligt, der wichtige Fragen aufwarf über neue Technologien und Produktion für gesellschaftlichen Nutzen in der praktischen Anwendung.
Mike Cooley ist Autor oder Co-Autor von zwölf Büchern über technologischen Wandel, Gast-Professor an der Technischen Universität Dänemarks und ein Direktor des Centre for Alternative Industrial and Technological Systems (CAITS) an der North London Polytechnic. Derzeit ist er Direktor der Technological Division of the Greater London Enterprise Board.

Ich sehe die Arbeit als zentral in diesen Fragen. Sie ist für mich ein Prozess von Lernen, Entwickeln, Fertigstellen, durch den wir etwas über soziale Beziehungen erfahren. Und unsere Einstellung zur Natur und den Menschen, für die wir Produkte herstellen, ist bestimmt durch die Art und Weise, wie wir arbeiten. Deshalb stimme ich der Idee vollkommen zu, dass die Weise, in der Menschen ein Verständnis von Natur und Materialien entwickeln, durch die Weise konditioniert ist, in der die Arbeit organisiert ist. Deshalb, wenn wir über gesellschaftlich nützliche Arbeit sprechen, müssen wir die Produkte nach ihrem Gebrauchswert, statt nach ihrem Tauschwert beurteilen: Produkte, deren Herstellung Energie und Rohstoffe verwendet und einspart, im Kontext nicht-entfremdender Arbeit.
Diese Idee steht aber in scharfem Widerspruch zu dem gängigen Verhalten sowohl gegenüber den Produkten wie den dabei angewandten Produktionsprozessen. Über gesellschaftlich nützliche Produktion nachzudenken bedeutet auch, dass wir auf sehr innovative Weise darüber nachdenken müssen, wie Technologien benützt und entwickelt werden können, um die Qualifikation der arbeitenden Menschen zu erhöhen statt zu senken. Ein Beispiel dafür ist die Drehmaschine, die von Professor Howard Rosenbrock entwickelt wurde. Sie setzt Erfahrung und Verstand von Facharbeitern voraus; sie gibt die qualitativen, subjektiven Entscheidungen dem mit ihr arbeitenden Menschen und der Maschine das quantitative Element.
Das tiefe implizite Wissen, das menschenorientierte Systeme anwenden, muss kontinuierlich erneuert werden und erfordert eine regelmäßige Praxis dieser engen Bekanntschaft mit den Materialien, was gut ausgebildeten ArbeiterInnen erlaubt, mit Unbekanntem sicher umzugehen. Nun ist aber einer der merkwürdigen Punkte in der mechanistischen Sicht der Produktion der Versuch, alle Ungewissheiten aus dem Arbeitsprozess zu eliminieren und konsequenterweise den Menschen als gefährlich ungenaues Element wahrzunehmen. Meiner Meinung nach wurde eine der besten Definitionen von Facharbeit durch einen Künstler formuliert, der sagte: „Qualifizierte Arbeit ist Arbeit mit Risiko und gewissen Ungenauigkeiten, und unqualifizierte Arbeit ist genaue Arbeit“. Sie sehen, in diesem Zusammenhang bedeutet die Reduzierung der Ungenauigkeiten das Übernehmen der totalen Kontrolle über die Produktionsmittel und die damit arbeitenden Menschen. Weitergeführt heißt das, die Natur selbst wird als ungenau angesehen und muss deshalb aus einem dann total enthumanisierten Produktionsprozess ausgeschaltet werden.

Morris stellt unser Bedürfnis heraus, physische Freude an der Arbeit zu haben und lenkt den Blick darauf, dass in einer entwickelten sozialistischen Gesellschaft die Kunst – das Vergnügen in der Arbeit – einer der Maßstäbe dafür werde, wie die Menschen dann den Wert einer Arbeit einschätzen.

Ich stimme dem zu und meine, dass eine der zerstörerischsten Dinge der modernen Zeit die Trennung des Lernens vom Tun ist. Die Idee, dass man die Weitergabe des Wissens an zukünftige Generationen von den qualifizierten Leuten und ihrer Arbeitsumgebung wegnehmen sollte, repräsentiert eine schreckliche Degradierung sowohl der Arbeit wie der Fachkräfte, wobei die, die solches vorschlagen oft wohlmeinende Sozialisten sind. Die Idee, dass man den Lernprozess von der qualifizierten Arbeit trennen könne, ist ein verhängnisvolles Konzept. Das Wort „Training“ empfinde ich auf jeden Fall als obszön. Da liegt sogar die Bedeutung mit drin, wie wenn ein Flohzirkus trainiert wird – man kann auch Werkzeugmacher oder Atomphysiker trainieren; es geht ja nur um „Training“ und nicht um das tiefe Wissen, das das Fach erfordert. Man trainiert vielleicht Hunde oder Soldaten und programmiert Roboter, aber wir müssen Bildungsumgebungen für Menschen bereitstellen und deshalb lehne ich diese ganze Sichtweise ab, das als Training zu sehen und als ob es von der Arbeit getrennt werden könnte. Aber es scheint mir so, dass die Art von Produkten, über die wir sprechen – gesellschaftlich nützliche Produkte – selber alle Arten künstlerischer Form und Verschönerung beinhalten würden, was als Teil des Endprodukts selbst angesehen werden sollte. Hier denke ich an die Werkzeugmacher von Lucas Aerospace, die die Oberfläche von Pressteilen so marmoriert hinkriegten, dass sie, ins Licht gehalten, in sich wundervolle Muster zeigten. Nun erfüllen diese Muster keine Funktionsanforderung, aber Leute, die sich mit dem identifizieren, was sie hergestellt haben, wollen auch, dass es in ästhetischem Sinne gut aussieht und auch ich sehe solche Eigenschaften nicht im Widerspruch zur Funktion des Werkzeugs. Die Vorstellung, man könne das künstlerische Element von dem funktionellen trennen, scheint mir ähnliche fatale Folgen zu haben. Es ist in seinem Ursprung Teil derselben Trennung zwischen Hand- und Kopfarbeit, auf die ich beim Sprechen über das Training hingewiesen habe.
Das Nettoergebnis dieses Konzeptunterschiedes von Hand und Kopf ist, dass heute jedes Interesse, das der Arbeiter an der Gestalt des Arbeitsprozesses oder des Endproduktes nimmt, als störend gesehen wird und darin liegt die wahre Bedeutung der mechanistischen Sichtweise. Taylor, der Grosse Bruder der wissenschaftlichen Betriebsführung sagte: „In meinem System wird dem Arbeiter genau gesagt, was er zu tun hat und wie er es zu tun hat. Und jede Verbesserung, die er an den ihm gegebenen Instruktionen macht, schadet dem Erfolg.“
Deshalb wird das Menschenmaterial auf eine Stufe gestellt mit jedem anderen Rohmaterial und die Organisation der Arbeit wird so gesehen, als ginge es dabei nur um Probleme des Systemdesigns. Das ist für mich das logische Endresultat der Entwicklung, die Morris in der Viktorianischen Zeit beobachtete. Die ultimative Degradierung der Menschen ist unvermeidbar in dieser profitschindenden Weise der Produktion und für mich vollkommen unakzeptabel.

Denkst Du, dass solche Konzepte in der Idee über die Natur des akademischen Wissens wurzeln, in dem Sinne, dass es ein zentrales Anliegen der Objektivität ist, dass jedes Element von persönlich subjektiver Erfahrung daraus entfernt werden sollte?

Ja, ich denke diese Ideen sind in der westlichen wissenschaftlichen Methologie verwurzelt, in dem Gedanken von dem „einen besten Weg“; in der Vorstellung, dass es für alles eine exakte Kalkulation gäbe, nach der zu suchen ist; in der Idee, dass Wissen zur Wissenschaft wird, wenn es die drei vorherrschenden Eigenschaften der westlichen Wissenschaft zeigt: Vorhersagekraft, Wiederholbarkeit und mathematische Quantifizierbarkeit. Nun, das eliminiert schon per Definition die Intuition und subjektive Beurteilung und es folgt daraus, dass, wenn wir diesen engen Blick auf Wissenschaft und wissenschaftliches Wissen einnehmen und das Denken vom Tun trennen, dann wird das breite, experiment-gestütze Wissen, auf dem qualifizierte Arbeit aufbaut, als unquantifizierbar wahrgenommen und daraus folgend als von fragwürdiger Relevanz. Weil der qualifizierte Arbeiter in einem weiteren Bezugsrahmen tätig ist als der Wissenschaftler, ist der Wissenschaftler unfähig, den realen Kontext qualifizierter Arbeit anzuerkennen und versucht sie deshalb zu unterbinden.
Da sich das Kapital zunehmend aus dem Arbeitsprozess entfernt, mit der Finanzierung durch Banken und anderen externen Vermittlern, kommt eine ganze Serie von wirtschaftlichen Dressuren ins Spiel: Leute, die Arbeitsstudien machen und die Arbeit dequalifizieren, ihr den konzeptionellen Teil wegnehmen, weil er etwas ist, das sie nicht vollkommen kontrollieren können. Ich denke dass deshalb konsequenterweise die mächtigen Tayloristischen Techniken und die Externalisierung des Kapitals direkt verbunden sind, alles Teile genau der Entwicklung, die William Morris im Frühstadium erkannte – die Entmenschlichung der Arbeit.

Hältst Du Morris für repräsentativ für ein besonderes, ganzheitliches Feld des sozialistischen Denkens, das mit Verlust für unser Verständnis der Gesellschaft ignoriert wurde?

Das denke ich, aber es gibt ein tieferes Problem in der Tatsache, dass die Sicht der Linken auf die sozialen Widersprüche seit der Jahrhundertwende sich fast vollständig auf Widersprüche in der Verteilung konzentriert, während sie die Widersprüche in der Produktion ignoriert – und das gilt auch für fast alle europäischen Marxisten. Mir scheint es es ein Grundfehler, Menschen in zwei getrennte Identitäten zu separieren – als Produzenten und Konsumenten – ein fürchterlicher Fehler.
Die Gewerkschaften wurden wie besessen von dem Menschen als Konsumenten: und das liess einen tief verwurzelten Ökonomismus wachsen, in dem jede Sorge um die Dequalifizierung bezogen ist auf die Kontrolle, die die Ausübung von Qualifikation im Arbeitsprozess gibt und nicht auf den Gedanken, dass die Menschen es erfüllend finden könnten, diese Fähigkeiten anzuwenden.
Ich glaube, es gab eine dominante marxistische Sicht, dass Wissenschaft und Technik in den Formen, in denen wir sie kennen, rational und gut in sich selbst sind; daraus folgend wurde ein extrem enges Konzept von Rationalität übernommen, zusammen mit Formen von Wissenschaft und Technik, die alle im Kapitalismus entwickelt wurden und die Sozialisten bereitwillig und fälschlicherweise als neutral ansahen. So war ihr Blick immer gerichtet auf den Punkt eines Benützen / Nicht-Benützen-Modells von Technologien und sie ignorierten, dass es im Wesen einer Technologie fundamentale Probleme geben könne – mit den damit einher gehenden Kontrollsystemem und dem verheerenden, zerstörerischen Potential, das sie im Falle eines Systemfehlers haben kann. So war das Hauptziel des Sozialismus, die Unfähigkeit des Kapitalismus zu zeigen, die unglaublich mächtigen Produktivkräfte im besten Interesse der Gesellschaft anzuwenden. Und ich glaube, dass Standpunkte, die denen von Morris ähneln, in solchem Widerspruch zu den mechanistischen Interpretationen des sozialistischen Vorhabens stehen, dass sie unterdrückt oder missachtet würden.

Morris hat ja nichts geschrieben, das per se als politische Theorie bezeichnet werden kann. Die meisten seiner sozialistischen Schriften haben die Form von Vorträgen, die überall im Land gehalten wurden und hängen direkt mit seiner Beteiligung am Organisieren einer Arbeiterbewegung zusammen. Immer wenn er spricht, sehen wir ihn durch ähnliche Gruppen von Gedanken gehen, die die Beziehung aufzeigen zwischen der Vergewaltigung der Natur und der Entfremdung der Arbeit – alles hängt aufs Engste zusammen mit der Produktion für Profit – und in dieser Form waren seine Gedanken nie verwertbar als theoretische Grundlage der sozialistischen Idee.

Richtig, aber so gesehen enthält das die Vorstellung, dass der Sozialismus wahnsinnig theoretisch sein sollte und das ist andersherum verbunden mit einer sonderbaren Idee, um was es in politischer Theorie eigentlich gehe. Ich möchte meinen, dass es großartige praktische Theorien gab, die z.B. in den Bau von St. Pauls eingeflossen sind; aber nur weil sie niemals niedergeschrieben wurden, in Sinne von abstrahiert als Theorie, wäre die Ansicht völlig falsch, dass dieser Bauprozess theorielos gewesen wäre. Ähnlich möchte ich argumentieren, dass das politische Verständnis nicht unbedingt die Form von Theorien voraussetzt, um angewendet werden zu können, sondern dass es in der Beteiligung – im Tun – entsteht. In der Politik ist es so wie beim Bauen im Mittelalter und ich bin sicher, dass es enorme Bereiche des Wissens gibt, aus Beispiel und Erfahrung geboren, die den kooperativen kollektiven Prozess belegen, den Morris als zentral für nicht entfremdete Arbeit erkannte.
Was man aus all dem sieht, ist, dass je natürlicher etwas ist, desto kompatibler ist es mit dem Wesen des Menschen; und je weniger es als wissenschaftlich, theoretisch oder wichtig angesehen wird. Ich bin wirklich immer wieder beeindruckt, in welchem Maße alle wirklich wichtigen menschlichen Errungenschaften auf natürlichem Wege erreicht wurden.
Die Sprache selbst ist das bei weitem wichtigste wissenschaftliche Ding, das wir je entwickeln werden, in der wirklichen Bedeutung von Wissenschaft. Kinder benützen sie schon im Alter von drei Jahren, nicht weil ihnen die Theorie der Linguistik erklärt wurde, sondern weil sie von jemand in den Prozess, sie zu benützen, eingeführt werden und durch diesen praktischen Prozess entwickeln sie ihr zusammenhangsbezogenes Verständnis.
Mir scheint, dass Quantität und Qualität des Wissens, das früher in den Arbeitsprozess integriert war, ganz massiv auf Folgerichtigkeit ausgerichtet war. Aber dieses Wissen wurde soweit herausgenommen, dass manche Ökonomen sogar behaupten würden, es sei kontraproduktiv zu versuchen, die Arbeit wieder mit Wissen und Begreifen zu infizieren. Tatsächlich gibt es aber jetzt Beispiele die zeigen, dass die Tendenz, die Arbeit zu dequalifizieren aus der Notwendigkeit heraus umgekehrt werden muss. In holländischen Stahlwerken werden qualifizierte Arbeiter bereitgehalten für den Fall, dass das automatische System zusammenbricht und in einem Beispiel, als es zusammenbrach, waren die Arbeiter nach zwei Jahren nicht mehr in der Lage, es zu stabilisieren: sie hatten ihr Gefühl dafür verloren. Die Entwerfer wurden daraufhin verpflichtet, eine Destabilisations-Subroutine einzubauen, um im regulären Betrieb dieses Wissen wieder zu gewinnen. In anderen Worten: sie wurden gezwungen Unwägbarkeiten einzubauen, weil sie diese so systematisch und waghalsig eliminiert hatten. Ein unglaublicher Widerspruch, über den viel geschrieben wurde.

Aber diese Unwägbarkeiten sind Bestandteil jeder unserer Interaktionen mit der natürlichen Welt und die Fähigkeiten, die wir erlernt haben um damit klarzukommen, bauen auf spezifisch menschlichen Empfindungen auf, die ein tiefes Verständnis der Beschaffenheit von Materialien und der materiellen Welt selbst zeigen.

Ein umfassendes Wissen das wir anhäufen und dessen wir uns nicht einmal bewusst sind: Wissen von Materialien, von ihrer Masse, Gestalt, Form, Stärke – wissen Sie, ich habe oft gedacht, wie erstaunlich es ist, dass die Menschen ein Stück Brot nicht mit solcher Kraft auseinander brechen, dass ihre Hände in entgegengesetzte Richtungen weggeschleudert werden. Sie wissen schon, wie man da umgeht – und das ist kein triviales Beispiel. All dieses enorme Wissen das mit der Arbeit in der realen Welt um uns herum kommt; gekoppelt mit den potentiell gefährlichen Auswirkungen von Computern mit ihrer Fähigkeit, uns von diesem vertrauten Wissen wegzubringen, scheint mir riesige Probleme aufzuwerfen.

Eine der Konsequenzen der viktorianischen Organisation der Produktion für Profit, die insbesondere William Morris ablehnte, war die innewohnende Gewalt, die ein solches System hervorbringt. Er fand, dass sich diese Gewalt auf allen Ebenen der Gesellschaft zeigte und beschrieb sie als Krieg in verschiedenen Erscheinungsformen. Stimmst Du diesem Bild von einer Gesellschaft zu, in der Profit die akzeptierte Norm ist?

Definitiv, und für mich sieht es so aus, dass ein Hauptgrund für internationale Konflikte der Zukunft die Energie sein wird. Wenn wir, anstatt darüber nachzudenken, wie wir Energie verwenden und wir wir sie erhalten könnten, das Recht beanspruchen, Wegwerfprodukte zu produzieren und gleichzeitig die Enteignung der Energiereserven anderer vorzubereiten, statt unsere eigenen Ressourcen richtig zu nützen, dann können daraus nur internationale Konflikte entstehen. Wie oft versagen wir darin, die Möglichkeiten selbstgenügsamer und suffizienter Formen der Wirtschaft zu untersuchen, die meiner Meinung nach, richtig geplant, ausreichend wären. Aber in dem Maße, in dem die Produktion schon rigide synchronisiert ist, wird der leiseste Versuch eines Urteils von irgendjemand diesen Ablauf unterbrechen und das Risiko von kriegsähnlichen Situationen erzeugen, die zwangsläufig zu Gewalt führen werden.
Bei British Leyland gab es kürzlich einen bedeutenden betrieblichen Kampf um dreißig Sekunden Waschzeit. Für die Arbeiter war das genau das einzige kleine bisschen Freiheit und Spielraum, die sie während der Arbeit hatten. Aber Produktion für den maximalen Profit heißt, dass das Management jetzt eine harte Konfrontation wegen dreissig Sekunden haben will. Kann das der Eckpunkt sein, an dem sich entscheidet, ob eine Firma im internationalen Konkurrenzkrieg überleben wird oder nicht? So erbittert ist dieser Konflikt.

Als Morris zu seiner Zeit über Versuche sprach, exemplarische Arbeitssituationen zu schaffen, stellte er sie sich sehr stark als Teil eines Lernprozesses vor und nannte sie „Zeichen der Hoffnung“. Aber er glaubte nicht daran, dass sie ein Ersatz für den sozialen und politischen Wechsel sein könnten, der durch den allgemeinen Kampf am Arbeitsplatz und in der Stadt oder Gemeinde erreicht werden sollte. Du bist an einem Versuch beteiligt, Arbeitsplätze so einzurichten, dass sie in sich exemplarisch sind – heutige „Zeichen der Hoffnung“. Wie siehst du diese Aktivitäten?

Ich sehe sie als Teil einer politischen Schlacht. Vieles, was wir heute machen erwuchs aus einem heftigen industriellen Arbeitskampf, den wir bei Lucas Aerospace führten, um das Recht der Leute, zu entscheiden was sie machen und wie sie es machen. Dieser Kampf war nicht beschränkt auf Lucas, er war Teil einer generellen Infragestellung durch Leute aus der Produktion, was sie machten und wie. In Australien weigerten sich Arbeiter, Gebäude abzureißen, die sie und die Kommune als wichtig ansehen. In Italien gab es Auseinandersetzungen über die Qualität der Produkte und das Wesen der Arbeit. In Westdeutschland gab es eine große Kampagne für die Humanisierung der Arbeit.
Wir mögen die aktuelle Schlacht bei Lucas verloren haben, aber das Paradigma, das wir geschaffen haben, hat Leute angeregt, ihre Werte zu überdenken und lokale Regierungen, die in Britannien 20 Millionen Menschen repräsentieren, versuchen einige dieser Ideen umzusetzen. Und all das war ein Ergebnis praktischer Kämpfe. Deshalb meine ich, dass jede Vorstellung, dass wir solche Vorhaben verwirklichen können durch die bloße Ersetzung einer rechtsgerichteten Bürokratie oder kontrollierenden Elite durch eine Entsprechung von linker Seite vollkommen danebengeht.
Ich glaube dass der Prozess, den man anwendet, um eine Änderung herbeizuführen, für sich genommen wichtig ist, genauso wie der Arbeitsprozess selbst – das Endprodukt wird das Ergebnis eines spezifischen Prozesses sein – und so halte ich es für unglaublich wichtig, dass Massen von Leuten in diese Aktivitäten einbezogen werden und dabei lernen. Es geht nicht darum, Wissen oder eine politische Theorie von oben herunterzureichen, sondern dieses Wissen und diese Theorie tatsächlich beim Vorwärtsgehen zu entwickeln. Damit sie sich dafür engagieren, müssen die Leute zuerst eine Vision davon haben, was die Zukunft bringen könnte: beispielgebende Projekte, die in embryonaler Form zeigen, wie die Zukunft sein könnte: in Gestalt von Aktivitäten und Prozessen, bei denen sich die Leute ungezwungen fühlen und miteinander zusammenarbeiten können auf einem kreativen und kooperativen Weg.
Ein Teil dieses Kampfes – wie ich es sehe – ist die Initiierung von Prozessen dieser Art und ich sehe das als zutiefst politisch. Auf viele Weise steht der Begriff einer politischen Elite in Widerspruch zu allem, was ich sage. Politische Prozesse sind für mich viel weiter gefasst, als das üblicherweise gesehen wird. Ich bin überzeugt, die Menschen lernen beim Tun und dass man Situationen schaffen muss, in denen die Leute ihre Kreativität und ihr Wissen einbringen können, sowohl technisch wie politisch, und eben nicht in einem abstrakten Sinne.
Eines der Dinge, die wir bei Lucas herausfanden: hätten wir gefordert, dass die Leute eine Doktorarbeit über jedes Produkt niederschreiben, dann hätten wir sprachliche Fähigkeiten und Intelligenz durcheinander gebracht. Ich sehe es so, dass die Leute ihre Intelligenz durch das ausdrücken, was sie machen und wie sie es machen; mehr als in einer geschriebenen oder abstrahierten Form. So haben wir Umgebungen geschaffen, in denen die Leute Modelle der Produkte, die sie im Kopf hatten, anfertigen konnten und es ist noch immer bereichernd, an die Energie, das Vergnügen und den Enthusiasmus zurückzudenken, die die Leute einbrachten; an die Abende und Wochenenden, die wir damit verbrachten; denn sie machten das für etwas, an das sie glaubten und etwas, das mit ihren sozialen Bedürfnissen zu tun hatte. So gab es ein eigenes Umfeld, in dem die Leute sich mit den Dingen auf eine Weise beschäftigten, die für sie ganz natürlich war. Die Behauptung, dass etwas „simpel“ sei, weil es natürlich ist, ist vollkommen falsch. Ich glaube, dass es in guter politischer Arbeit genau um diese Klarheit geht, wie ich das besser nennen möchte und auf vielfältige Weise sind die Beispielprojekte, die wir initiiert haben, ein Teil davon.
Ich stimme zu, wenn man einmal das Establishment herausgefordert hat, wie wir es bei Lucas getan haben, dann beginnst du zu sehen, wo die wirkliche Macht liegt. Die Leute müssen darauf vorbereitet werden aber sie werden nur dann für einen harten Kampf bereit sein, wenn sie überzeugt sind, dass da etwas ist, das dieses Kämpfen wert ist. ich habe gerade einen Film gesehen, in dem ein qualifizierter japanischer Arbeiter gefragt wurde, wie er sich fühle, konfrontiert mit einer Maschine, die ihn ersetzen sollte. Er sagte: „Es ist so, als ob meine Hände schreien wollen“ und darin liegt die Begründung für den andauernden Kampf gegen die Erniedrigung und Enthumanisierung der Arbeit. Es ist wichtig, dass wir als Entwerfer, als Ingenieure und Facharbeiter ihnen nicht erlauben, uns auf „industrielle Eichmänner“ zu reduzieren – die nur ausführen, was uns gesagt wird. Wir haben die Verpflichtung, uns für eine Zukunft einzusetzen, die darangeht, einige der grundsätzlichen menschlichen Erwartungen an die Arbeit zu erfüllen, die William Morris vor einem Jahrhundert so klar ausgesprochen hat.

Interview mit Mike Cooley in: „William Morris Today“,
London Institute of Contemporary Arts, 1984
Eigene Übersetzung 2013

Viele Informationen über Mike Cooley und das Combine Shop Stewards‘ Committee bei Lucas Aerospace finden Sie hier: http://www.pit-wuhrer.de/kapital/ka_07_02_15_lucas.html

Dieser Kampf muss fortgeführt werden: http://ecology.iww.org/texts/misc/1976_The_fight_for_useful_work_at_Lucas_Aerospace

Dieser Beitrag wurde unter Texte über William Morris veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.