Die Seele der SOCIALIST LEAGUE war zweifellos William Morris, der hochbegabte und vielseitige Künstler und eine der prächtigsten Persönlichkeiten, die der englische Sozialismus hervorgebracht hatte. Morris hatte sich bereits als Dichter und Erneuerer des modernen Kunsthandwerks einen bedeutenden Namen erworben, nachdem er sich früher schon unter dem Einfluß von Burne-Jones und Rossetti als Architekt und Maler versucht hatte. Er kam aus dem Lager des englischen Liberalismus und schloss sich, nachdem er 1880 seinen Bruch mit der liberalen Partei vollzogen hatte, den Sozialisten an, ohne dass ihn dabei tiefere Wirtschaftsstudien auf diesen Weg geleitet hatten, wie er später in seinem Aufsatz WIE ICH SOZIALIST WURDE selbst erzählt hat. Es waren vor allem sein tief ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl und seine Anschauungen als Künstler, die ihn zum Sozialismus führten. Er hatte in einer englischen Zeitschrift Auszüge aus den nachgelassenen Schriften John Stuart Mills gelesen, darunter auch die Kritik, die sich mit der Lehre Charles Fourier beschäftigte und gerade diese hatte ihn für den Sozialismus gewonnen. Es war die Idee der attraktiven Arbeit, ein wesentlicher Bestandteil des Fourierismus, die auf die Künstlernatur von William Morris die stärkste Anziehungskraft ausübte. Er, der sein ganzes Leben lang die tiefe Freude schöpferischer Betätigung empfunden hatte, fühlte mit der ganzen Kraft seiner empfänglichen Seele, dass den breiten Massen, die in das Joch industrieller Hörigkeit geschmiedet waren, jede Freude an ihrem Werk abgehen musste und sein reines Menschlichkeitsgefühl empörte sich gegen diesen Zustand. Morris spürte bis ins Tiefste den inneren Zusammenhang zwischen Kunst und Arbeit und konnte sich für das Schlagwort l´art pour l´art nie begeistern. Sein Künstlerinstinkt sagte ihm, dass Arbeit und Kunst in der Gemeinschaft wurzeln und gerade diese Überzeugung gab seinem Sozialismus eine ethische Bedeutung, die über die rein wirtschaftliche Seite weit hinausging.
Morris begriff, dass der Sozialismus mehr als eine reine Wirtschaftsfrage war, was so viele Sozialisten seiner Zeit fast vergessen hatten. Die wirtschaftliche Sicherheit für alle war für ihn kein Ziel, sondern nur eine notwendige Vorbedingung für eine neue Gemeinschaft, die immer höheren Zielen der gesellschaftlichen Kultur zustrebt und in der Eroberung des Lebens durch die Kunst ihren tiefsten Ausdruck finden sollte. Bereits in einer seiner ersten sozialistischen Propagandaschriften, USEFUL WORK VERSUS USELESS TOIL, die sich, wie alles was er geschrieben, durch die Schönheit der Sprache auszeichnete, bemerkte er: „Wir werden uns die Natur nie richtig dienstbar machen, solange Arbeit nicht einen Teil von unserer Lebensfreude bilden wird.“
Als er sich später daran machte, die sozialistische Literatur gründlicher zu studieren und dabei auch das KAPITAL von Karl Marx in Angriff nahm, verschafften ihm die Kapitel über die historische Entwicklung des Kapitalismus viel Genuss, während ihm die rein ökonomische Seite des Werkes nach eigener Aussage „wahre Agonien der Gehirnkonfusion verursachte“. Es ist klar, dass ein so feinsinniger Künstler mit einem so tief ausgeprägten Mitgefühl für alles Menschliche den Sozialismus nie als reines Herdenbedürfnis empfinden konnte, sondern nur als Grundlage eines freien ungebundenen Lebens in seinen mannigfachen Verschiedenheiten. Als Künstler, dem jeder äußere Zwang gefühlsmäßig widerstrebte, wurde ihm Freiheit und die geistige Unabhängigkeit das höchste Ziel aller menschlichen Bestrebungen. Deshalb war auch sein Sozialismus rein freiheitlicher Natur. Wie jedem großen Dichter, so wurde auch ihm die Liebe zur Schönheit zum Instinkt der Freiheit. Dieser Geist bekundet sich in allem, was er als Sozialist geschrieben hat. Er ist der sprudelnde Quell seiner Sehergabe als Dichter. Was immer er schrieb atmete den Geist dieser inneren Freiheitsliebe, den er bis zu seinem Tode nie verleugnete. Es ist nicht bloß sein prächtiger Stil, sondern vor allem das tiefe Freiheitssehnen, das seine Schriften so lebendig macht und uns auch heute noch beim Lesen von Werken wie NEWS FROM NOWHERE, THE DREAM OF JOHN BALL oder A KING´S LESSON so großen Genuss und innere Anregung verschafft. Morris verstand es, sogar die Propaganda zu einer Kunst zu erheben. Dafür legen seine zahlreichen Aufsätze und Vorträge, von denen die besten später im Druck erschienen, rühmliches Zeugnis ab. Dazu kommen seine herrlichen sozialen Dichtungen, von denen viele als Lieder in allen sozialistischen Versammlungen gesungen wurden, wie „The voice of toil“, „The march of the workers“, „All for the cause“ und besonders das prächtige Lied „No master“, in dem sich der Freiheitsdrang des Dichters am tiefsten offenbarte.
Als ich anfangs 1895 nach London kam war Morris bereits schwer leidend und zeigte sich nur noch selten in öffentlichen Zusammenkünften. Bei einer solchen Gelegenheit sah ich ihn das erste Mal. Ungefähr sechs oder sieben Monate nach meiner Ankunft bot sich mir noch einmal die Möglichkeit, ihm zu begegnen. Ein befreundeter deutscher Maler hatte von einem Londoner Theater den Auftrag erhalten, einen Bühnenvorhang zu malen und zu diesem Zwecke einen leeren Wagenschuppen in Hammersmith gemietet, wo er sein Gerüst aufschlagen konnte. Da er mit Morris, der ganz in der Näh wohnte, bekannt war, so besuchte ihn dieser manchmal auf seinen kurzen Spaziergängen, um den Fortschritt des Werkes zu beobachten. Als das Werk nahezu vollendet war, hatte mein Freund mich und einen anderen Bekannten zur Besichtigung eingeladen. Der Zufall wollte es, dass bei dieser Gelegenheit auch Morris zugegen war. Er ging schon etwas gebückt an einem Stocke und man konnte ihm ansehen dass die Krankheit, die ihn verzehrte, schon bedenkliche Fortschritte gemacht hatte. Aber der prächtige Kopf mit dem klugen männlichen Gesicht zeigte noch immer Lebensstärke und seine Stimme hatte noch einen kräftigen Klang. Erzählen konnten wir uns allerdings nicht viel, denn Morris sprach außer Englisch keine andere Sprache und mein Englisch reichte damals für eine Unterhaltung noch nicht aus. Ein Jahr später aber wurde Morris bereits vom Tode ereilt.
Viele meiner englischen Freunde haben es stets bedauert, dass zwischen Morris und Kropotkin nie ein engeres Verhältnis zustande kam, nachdem diesem nach seiner dreijährigen Gefangenschaft in Frankreich durch eine Amnestie die Freiheit wiedergegeben wurde und er sich 1886 in London niedergelassen hatte. Ich weiß, dass Kropotkin von Morris stets eine sehr hohe Meinung hatte. Eine nähere Verbindung der beiden Männer hätte Morris viel nützen können, der von der freiheitlichen Bewegung auf dem Kontinent nur ganz mangelhafte Kenntnisse besaß.
Ein Ausschnitt aus den Lebenserinnerungen von Rudolf Rocker, dem bekanntesten Vertreter des Syndikalismus in Deutschland. Als junger Mann wurde er durch staatliche Nachstellung aus Deutschland vertrieben und lebte von 1895 bis zur Rückkehr nach dem Ersten Weltkrieg in London.
Zitiert aus dem ersten Band von „Im Sturm der Zeiten“, der erst kürzlich, 2025, im Verlag Edition AV erschienen ist.




